
Heute studieren und arbeiten zahlreiche Chinesinnen und Chinesen in Deutschland, gründen hier Familien und gestalten ihr Leben zwischen unterschiedlichen kulturellen und gesellschaftlichen Bezügen. Fragen nach Aufenthaltsrecht, beruflichen Perspektiven und gesellschaftlicher Teilhabe gehören ebenso zu ihrem Alltag wie die Auseinandersetzung mit kultureller Identität, persönlicher Zugehörigkeit und den Erfahrungen der nächsten Generation.
Die Migrationsgeschichte der Chinesen in Deutschland fängt in Hamburg an. Wie sah das Leben chinesischer Migrantinnen und Migranten in Deutschland vor unserer Zeit aus? Wie gestaltete sich ihr Alltag, welche Hoffnungen und Herausforderungen prägten ihr Leben? Welche Schicksale erlebten sie – insbesondere in einer Epoche, in der der Nationalsozialismus die deutsche Gesellschaft zunehmend von Rassismus, Ausgrenzung und politischer Verfolgung bestimmen ließ?
Schon vor rund hundert Jahren waren Chinesinnen und Chinesen Teil des gesellschaftlichen Lebens in Berlin und Hamburg. In Hamburg und Berlin gab es zeitweise Chinesenviertel. Ihre Anwesenheit ist historisch belegt, und doch sind ihre Lebensgeschichten im heutigen öffentlichen Geschichtsbewusstsein kaum präsent. Wie lässt sich dieses Missverhältnis zwischen historischer Wirklichkeit und öffentlicher Erinnerung erklären? Welche Spuren hat die NS-Zeit im Leben dieser Menschen hinterlassen, und warum sind ihre Erfahrungen in den vertrauten Erzählungen deutscher Geschichte kaum sichtbar?
Diesen Fragen nachzugehen bedeutet, eine bislang wenig beachtete Geschichte chinesischer Migration neu in den Blick zu nehmen. Zugleich eröffnet sich damit eine grundlegendere Frage: Wie entsteht das historische Gedächtnis einer Gesellschaft und welche Menschen, Erfahrungen und Perspektiven bleiben darin unsichtbar?
Eine vergessene Migrationsgeschichte: Erinnerungsnarrative zu Auslandschinesen im nationalsozialistischen Deutschland
Migrationsgeschichte ist mehr als die Geschichte geografischer Grenzüberschreitungen. Sie handelt von der Suche nach Zugehörigkeit, von Erfahrungen der Fremdheit und Ausgrenzung, von der Herausbildung individueller Identitäten und davon, wie Menschen und Gemeinschaften auf tiefgreifende historische Umbrüche reagieren. Gerade dort, wo persönliche Lebenswege nur unvollständig dokumentiert sind, stellt sich die Frage, wie sich vergangene Erfahrungen rekonstruieren und ihre Spuren bis in die Gegenwart verfolgen lassen.
Einen besonderen Zugang zu dieser Geschichte eröffnen Literatur und autobiografische Erinnerung. Die Autobiografie der deutschen Historikerin Dagmar Yu-Dembski, Chinaprinzessin: Meine deutsch-chinesische Familie (2013), und der Roman des chinesischen Autors Sheng Zhenming, Das zerstörte Chinesenviertel in Hamburg (2017), nähern sich der deutsch-chinesischen Vergangenheit aus unterschiedlichen Perspektiven. Beide Werke kompensieren die Forschungsdesiderate und erschließen zugleich über die Narrativierung historischer Konstrukte und literarischer Aufarbeitungen die Charakteristika des kollektiven Gedächtnisses auf individueller wie auf gemeinschaftlicher Ebene der chinesischen Migrationsgeschichte.
Damit rückt nicht allein die Frage in den Mittelpunkt, was sich historisch rekonstruieren lässt, sondern auch, wie Geschichte erzählt und erinnert wird. Was geschieht, wenn die überlieferten Dokumente die Erfahrungen einer Gemeinschaft nur bruchstückhaft wiedergeben? Und wie können individuelle Erinnerungen, insbesondere solche, die von Gewalt und traumatischen Erfahrungen geprägt sind, Eingang in das kollektive Gedächtnis einer Gesellschaft finden? Diese Fragen verbinden die historische Aufarbeitung mit einer gegenwärtigen gesellschaftlichen Aufgabe: Nicht nur Vergangenes zu rekonstruieren, sondern auch darüber nachzudenken, wie es erinnert, vermittelt und öffentlich verhandelt wird.
Über den Vortrag
Vor diesem Hintergrund laden wir, die Chinesische Gemeinde in Deutschland in Kooperation mit Yu-Garten Hamburg, Dr. Tong Xin zu einem Vortrag mit dem Titel „Chinesen in Deutschland während der NS-Zeit: Traumageschichte und Erinnerungskultur“ ein. Anhand der historischen Erfahrungen chinesischer Gemeinschaften in Berlin und Hamburg beleuchtet der Vortrag die Lebensbedingungen von Chinesinnen und Chinesen während der NS-Zeit und fragt, wie ihre Geschichten überliefert, erinnert oder vergessen wurden. Ausgehend von Literatur und persönlichen Erinnerungen richtet sich der Blick auf das Verhältnis von individuellem Trauma und kollektivem Gedächtnis, um von individuellen ein Blick zur gesellschaftlichen Ebenen zu führen. Darüber hinaus wird anhand von Denkmälern, Filmmaterialien und Ausstellungen diskutiert, wie die Geschichte chinesischer Migration im öffentlichen Geschichtsbewusstsein Deutschlands sichtbar werden kann bzw. welchen Beitrag die chinesische Perspektive zu einem differenzierteren Verständnis der eurozentrierten Geschichte leistet.
Die Veranstaltung lädt dazu ein, eine wenig beachtete Geschichte neu zu entdecken und zugleich darüber nachzudenken, wie Erinnerung unsere Sicht auf Vergangenheit und Gegenwart prägt.
Zur Referentin
Dr. Xin Tong, Assistant Research Professor an der Shanghai International Studies University. Promotion (2021) an der Universität Hamburg zum Thema Repräsentationen der Shoah aus komparatistischer Perspektive. Publikationen u.a. Transmedia Remembering: Eine Fallstudie des Shanghaier Exils in Deutschland und China seit 1990 (2022) und Jüdische Exilerinnerungen und chinesische Narrative in der deutschen Gegenwartsgesellschaft (2025). Forschungsinteressen: Erinnerungsstudien, Medientheorien, Exil- und Migrationsforschung. Derzeit leitet sie das Projekt „Chinatowns in Deutschland: Kulturelle Erinnerungen und ethnische Identitäten“ der National Social Science Foundation of China.
Datum: Mittwoch, 28. Oktober 2026
Uhrzeit: 19:00 – 20:30 Uhr
Format: Präsenzveranstaltung und Online Live-Teilnahme
Veranstaltungsort: Teepavillon im Yu-Garten, Hamburg
Feldbrunnenstraße 67, 20148 Hamburg
Anfahrt
Der Teepavillon befindet sich auf der Insel in der Mitte des Teiches im Yu-Garten und ist über zwei geschwungene Brücken erreichbar. Bitte benutzen Sie den Eingang links neben dem Haupteingang des Restaurants. Folgen Sie dem Korridor bis zum Teepavillon und gehen Sie dort in den zweiten Stock (1. Obergeschoss).
Online-Teilnahme: Teams Meeting:
https://teams.microsoft.com/meet/3500556213819151?p=KKwAsUGKeDn0X0m4H8
Meeting ID: 350 055 621 381 915 1
PW: W6u6AW3v
Wir freuen uns, Sie persönlich vor Ort begrüßen zu dürfen.
